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Detlev L. Burgartz
Experte und Dozent für die
Abwehr und Aufklärung von Versicherungskriminalität
Mittwoch, 16.03.2011 19:04

Doch die einst klare Trennung zwischen Ost und West schwindet: Weil in den neuen Bundesländern die Kinderzahl je Frau nach dem Tief der Nachwendezeit wieder gestiegen ist und weil mittlerweile auch viele ländliche Gebiete im Westen unter Nachwuchsmangel und der Abwanderung junger Menschen leiden, wird der demografische Wandel immer mehr zu einer Krise der peripheren ländlichen Räume.
Weil sich dort die Infrastruktur weiter ausdünnt, vom Schulangebot bis zur ärztlichen Versorgung, verlieren diese Regionen weiter an Attraktivität. Dies führt umgekehrt zu einer Renaissance der Städte, zumindest jener, die über ein attraktives Angebot an Ausbildungs- und Arbeitsplätzen verfügen. Davon profitieren insbesondere die wirtschaftsstarken Regionen im Süden und Südwesten der Republik. In der Gesamtbewertung der Studie finden sich unter den 20 Kreisen und kreisfreien Städten mit den besten Zukunftsaussichten 15 aus Bayern und drei aus Baden-Württemberg – aber mit Potsdam und Jena neuerdings auch zwei aus den neuen Bundesländern.
Baden-württembergische Kreise sind unter den besten des Landes weniger präsent als in der Vorläuferstudie aus dem Jahr 2006, weil die zurückliegende Wirtschaftskrise die exportabhängige Fertigungsindustrie überproportional getroffen hatte. Potsdam ist indes nach vorne gerückt, da es das attraktivste Zuwanderungsgebiet für oftmals gut betuchte Familien aus der nahen Hauptstadt Berlin geworden ist.
Jena gehört neben Dresden, Leipzig und Erfurt zu den wenigen Metropolen im Osten, die auf eine stabile demografische und eine aussichtsreiche ökonomische Entwicklung bauen können.
Am Ende der Skala in Sachen Zukunftsfähigkeit finden sich nach wie vor überwiegend Kreise aus dem Osten – vor allem aus Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Ostdeutschland bleibt damit die demografische Krisenregion.
Allerdings zeigt sich an den kritischen Kandidaten im Westen, dass auch dort der Trend weiter abwärts geht: Vor allem altindustrielle Kreise im Ruhrgebiet (Gelsenkirchen, Recklinghausen, Herne), Bremerhaven und die beiden Kreise an der ehemals deutsch-deutschen Grenze, Goslar und Osterode am Harz, weisen neben niedrigen Kinderzahlen eine starke Überalterung sowie Abwanderung und sehr schlechte Wirtschaftsdaten auf.
Sich demografisch stabilisieren oder gar wachsen dürften in Deutschland nur noch wenige Regionen:
Das sind zum einen die Metropolräume von Hamburg, Köln/Bonn, Frankfurt, Stuttgart, Berlin und München.
Der bayerische Wachstumsraum um München dehnt sich dabei am weitesten aus:
Den hohen Lebenshaltungskosten zum Trotz zieht es nach wie vor qualifizierte junge Menschen in eine Region, die von den Städten Nürnberg, Ingolstadt und Regensburg begrenzt wird. Doch auch einige ländliche Gebiete mit kleineren Zentren und einem starken Mittelstand stehen dank einer positiven Bevölkerungsentwicklung gut da, etwa das Oldenburger Münsterland im Westen von Niedersachsen oder der Norden von Nordrhein-Westfalen.
Die wirtschaftliche Situation hat sich entgegen dem demografischen Trend über die vergangenen Jahre deutlich verbessert. Nicht nur, weil die Arbeitslosigkeit praktisch überall gesunken ist, sondern auch, weil die Beschäftigungsquoten generell, insbesondere von Frauen und älteren Personen, gestiegen sind.
Mit rund 41 Millionen Beschäftigten arbeiten heute in Deutschland so viele Menschen wie nie zuvor. Diese positiven Veränderungen lassen sich als erste Antwort auf den demografischen Wandel deuten, der künftig die Zahl der Erwerbsfähigen wird sinken lassen, während die Gesellschaft gleichzeitig die Kosten der Alterung zu schultern hat.
Die Folgen des Wandels ließen sich leichter bewältigen, wenn der jetzt eingeleitete Trend anhielte. So ist die Gesellschaft nicht nur produktiver geworden, auch der Bildungsstand hat sich verbessert: Mehr Abiturienten nehmen ein Hochschulstudium auf und es verlassen deutlich weniger junge Menschen die Schule ohne Abschluss als noch vor einigen Jahren.
Die neue deutsche Familienpolitik macht es qualifizierten berufstätigen Frauen leichter, Familie und Beruf zu vereinbaren. Nur in Sachen Zuwanderung zeigt Deutschland bisher keine Reaktion auf den demografischen Wandel und auf den künftigen Bedarf an Arbeitskräften. Gelähmt durch die Versäumnisse der Integration hat sich das Land gegen Zuwanderung nahezu abgeschottet: Vorübergehend war Deutschland sogar von einem Ein- zu einem Auswanderungsland geworden.
Seit Jahren können Zuwanderer nicht mehr kompensieren, dass der Überschuss der Sterbefälle die Zahl der Neugeborenen übersteigt. Bis Mitte des Jahrhunderts dürfte sich deshalb der Bevölkerungsschwund auf mindestens zwölf Millionen summieren – eine Zahl, die der gesamten Einwohnerschaft der zwölf größten deutschen Städte entspricht, von Berlin bis nach Leipzig.
Die Studie „Die demografische Lage der Nation. Was freiwilliges Engagement für die Regionen leistet“ wurde gefördert vom Generali Zukunftsfonds.
Zum kostenlosen Download der Studie gelangen Sie hier.
Für Fragen und Interviews zur Studie stehen Ihnen zur Verfügung:
Dr. Steffen Kröhnert, Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 23 32 48 44, E-Mail: kroehnert@berlin-institut.org Dr. Reiner Klingholz, Direktor des Berlin-Instituts, Telefon: 0 30 - 31 01 75 60, E-Mail: klingholz@berlin-institut.org
Für Fragen und Interviews zum Thema bürgerschaftliches Engagement stehen Ihnen zur Verfügung:
Roland Krüger, Leiter des Generali Zukunftsfonds, Telefon: 02 21 – 42 03 26 93, E-Mail: roland.krueger@generali.de Loring Sittler, Leiter des Generali Zukunftsfonds, Telefon: 02 21 – 42 03 26 75, E-Mail: loring.sittler@generali.de
Die in der Studie enthaltenen Grafiken erhalten Sie vom Berlin-Institut auf Anfrage unter Telefon: 0 30 - 22 32 48 45 oder E-Mail: info@berlin-institut.org. Dort können Sie auch gedruckte Exemplare bestellen, die Sie gegen eine Schutzgebühr von 6 Euro (inklusive Versand) erhalten.